Warum leiden wir unter ineffizienter Biomechanik?

Warum leiden wir unter ineffizienter Biomechanik?


Unsere Spezies existiert seit gut 200.000 Jahren - und die ersten 190.000  Jahren hat sich keiner von uns mit Rückenbeschwerden oder Gelenksrheumatismus rumgeplagt; Arthrose und andere Verschleiß Erscheinungen des Bewegungsapparats waren quasi non-existent. 

Also warum leiden heute 60% der deutschen Bevölkerungen unter Rückenbeschwerden?

Die Antwort liegt in der regelmäßigen Bewegung der Bevölkerung, sowie in den oft fehlerhaften Bewegungsabläufen, die sich die Menschheit angewöhnt hat, seit dem sie sich vom Jäger-und-Sammler-Dasein abgewandt hat.

Heutzutage sind wir größtenteils nicht mehr in der Lage unseren Bewegungsapparat adäquat zu stabilisieren, genauso wie wir die Kontrolle über ihn verlieren.

Getreu dem Prinzip "Use it or lose it" verabschiedet unser Körper sich von allem, was wir nicht regelmäßig benutzen, sei es Muskulatur, Nervenbahnen oder motorische Kontrolle über unsere Gliedmaßen. Das ist alles Energieverschwendung für unseren Organismus , wenn wir es nicht brauchen.

Physis > Biomechanik

Muskulatur und Nervenbahnen bilden die Grundlage um biomechanisch effizient zu arbeiten. Die motorische Kontrolle der entsprechenden Gelenke ist dann maßgeblich dafür verantwortlich, dass meine Knie nicht nach innenfallen, mein Fußgewölbe nicht kollabiert und ich stabil stehe.


Efiziente Biomechanik bedeutet letzten Endes, dass wir unsere Gelenke durch genügend Muskelspannung stabilisieren und kontrollieren können und nicht nur passiv in den Bändern zu hängen, sowie es bedeutete, dass wir diese Gelenke auch so nutzen, wie sie genutzt werden sollten. (Siehe Joint-by-Joint-Approach)


Stabilisierung von Gelenken funktioniert durch Co-Kontraktion zwei gegenüber liegender Muskeln, d. h. dass die sie eine gleichbleibende Spannung erzeugen, die die Bewegung im Gelenk kontrolliert und einschränkt. Und zwar nicht nur in einer Ebene( Vor/Zurück), sondern in mehreren (Innen-/Außenrotation, etc.). 


Nehmen wir den Schuss beim Fußball als Beispiel: So muss ich das Standbein durch spannung der Ab- und Adduktoren seitlich Stabilisieren, während meine gluteal Muskulatur in Co-Kontraktion mit dem M. Iliopsoas und den M. Rectus Femoris meine Hüftstreckung kontrollieren müssen. Das Schwungbein muss in 3 Dimensionen präzise beschleunigt und anschließend wieder entschleunigt werden, wobei die arbeitenende Muskulatur die nötige Spannung aufbringen muss, während die Gegenspieler langsam die Spannung lösen müssen.


Funktioniert nur ein Glied in der Kette nicht so, wie es soll, entsteht übermäßige Stress auf den Bändern und den Knorpel der Hüfte und des Knies, was über lang oder kurz zu Verletzungen und Abnutzung führen kann. Adduktorenzerrungen und Muskelfaserrisse sind hierbei sehr häufig im Fußball. Diese entstehen, wenn die Co-Kontraktion nicht optimal abläuft und der schwächere Spannungspartner übermäßig belastet wird.



Das Joint-by-Joint-Modell nach Boyle und Cook


Nun da die grundlegenden Dinge geklärt sind, sollten wir einmal klären, welche Gelenke wir stabilisieren sollten und welche eher mobil gehalten werden sollten, damit wir die motorische Kontrolle auch im richtigen Bereich erzielen und keine Strukturen falsch belasten.

Das Joint-by-Joint-Modell ist hier eine gute Referenz, um einen groben Leitfaden zu erstellen, allerdings sollte man sich letztenendes immer am Anforderungsprofil eines Athleten orientieren und hinterfragen, ob die generelle Empfehlung des Joint-by-Joint-Modells auch auf dieses anzuwenden ist.

Das Joint-by-Joint-Modell erklärt die Beziehung der Gelenke bzw. gelenksähnlichen Verbindungen zu einander. So arbeitet es sich von den Füßen an Hoch.

Das unterste Glied sind die Zehen, deren Mobilität dazu dient sich an den Untergrund anzupassen und den Fuß sicher zu halten.

Das Fußgewölbe ab sich sollte stabil sein, um uns einen sicheren Stand zu ermöglichen, wohingegen das Sprunggelenk (USG+OSG) mobil sein sollte, um unseren Stand an etwaigen unebenen Untergrund anzupassen.

Das Knie ist im Grunde genommen ein Schaniergelenk, somit sollte es nur stabil gehalten werden, während die Hüfte mobil gehalten werden sollte, da sie als großes Gelenk die meisten Bewegungen der unteren Extremität dominiert und mit seinen 6 Freiheitsgraden viel Bewegungsraum ermöglicht.

Das Becken und damit einhergehen die Lendenwirbelsäule sollten hingegen stabil gehalten werden, da auf ihnen die gesamte Last des Oberkörpers liegt.

Bewegungen innerhalb der Wirbelsäule kommen meist aus dem Bereich der mobilen Brustwirbelsäule. Die auf der BWS liegenden Schulterblätter, sollten hingegen wieder stabilisiert werden, da sie als Anker der oberen Extremitäten fungieren.

Das Schultergelenk an sich benötigt ebenso wie die Hüfte ein großes Maß an Mobilität, wohingegen die Ellbogen Stabilität brauchen.

Die Handgelenke sind das Pendant zum Sprunggelenk und  sollten somit auch mobil gehalten werden.

Zu guter letzt benötigen wir auch in der unteren Halswirbelsäule Stabilität, um unseren Kopf sicher zu tragen. Atlas und Axis (die obersten beiden Halswirbel) bilden eine Ausnahme, da sie für die Rotation des Kopfes verwantwortlich sind. Somit sollten sie auch mobil gehalten werden.


Fazit:

Unser Alltag bereitet uns nicht mehr darauf vor, das Potenzial unseres Körpers zu entfalten. Durch Mangel an Bewegung verkümmern unsere Fähigkeiten uns effizient und vor allem gesund zu Bewegen. Doch es ist noch nicht alle Hoffnung verloren. Die motorische Kontrolle über unsere Gliedmaßen kann mit regelmäßigem Training zurück erlangt werden und mit Hilfe des Joint-by-Joint-Modells können wir identifizieren welche Schwachstellen wir auftrainieren müssen. Sein es Beweglichkeitsdefizite oder auch Kraftedefizite - alles ist behebar. Wichtig ist nur, dass wir die motorische Kontrolle priorisieren und erst lernen uns kontrolliert zu bewegen, bevor wir uns übermäßig belasten.

"First move well, then move often."


In diesem Sinne: Bleibt bewegt, euer Nils.

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